Mittwoch, 27. Juli 2011

Vertrauen ist das Gefühl, einem Menschen sogar dann glauben zu können, wenn man weiß, dass man an seiner Stelle lügen würde.

Ich hatte 6 Wochen Sommerferien, um mich von einer 9monatigen Therapie zu erholen.  Dann hätte ich in die Schule gehen sollen, als wäre nichts gewesen. Wieder in die 8te Klasse. Ich war 2Jahre älter als meine Klassenkameraden.
Die 6 Wochen gingen vorbei und ich hatte wieder ganz normale Blutwerte, aber ich sah leider nicht so normal aus wie alle anderen. Ich war sehr dünn, hatte eine Glatze und humpelte. Man kann also sagen, dass ich noch ziemlich gezeichnet war von meiner Chemotherapie.

Ja, ich hatte Angst vor der Schule. Ich hatte Angst vor den Blicken der Leute und ich hatte Angst, dass ich das alles irgendwie nicht schaffen würde. 
So kam es dann auch. 
Ich humpelte in den Gang und stellte mich alleine vor dieses Klassenzimmer und sah schon, wie die Schüler mich musterten.
Ich hatte damals eine Perücke, über die Perücke zog ich ein Tuch, damit man nicht sofort erkannte, dass es eine Perücke war. Ich zog keine engen Sachen an, damit man nicht direkt mein Skelett durchsah und nunja, ich setzte mich in die zweite Reihe und stellte mich vor.
Ein paar Lehrer erkannten mich und freuten sich, dass ich wieder da war.

Ich musste erstmal nur 4 Wochen mit dieser Klasse "durchhalten", dann kam meine langersehnte Kur, auf die ich mich sehr freute.
4 Wochen lang mehr oder weniger alleine im Schulgang rumzustehen war jetzt nicht meine Lieblingsbeschäftigung, aber was will man machen. Ich war einfach noch nicht soweit. 
Ich war 1 Jahr lang abgeschottet von dieser Welt. Ich lag ein Jahr alleine in meinem Bett und hatte niemanden, mit dem ich reden konnte. Von einem Tag auf den Anderen war ich von 29 fremden Leuten umgeben.
Nein, ich fühlte mich nicht wohl und ich freute mich unglaublich darauf endlich wieder nach Hause zu gehen.
Ich wusste, dass es irgendwann anders sein würde, aber zu der Zeit war mir das einfach zu viel. 

Im September 2009 fuhren wir dann auf die Katharinenhöhe. Das ist eine Reha für Jugendliche, die an Krebs und Herzkrankheiten erkrankt sind. Da war ich dann 4 Wochen auf mich ganz alleine gestellt. Vorerst.
Ich gehe jetzt weniger auf den Rehaalltag ein, als auf die Leute, die ich dort kennengelernt habe.
Physiotherapie, Gruppengespräche, Hochseilgarten, Ausflüge, der Schwarzwald, das Wetter, die Gruppe. Alles hätte nicht perfekter sein können. In dieser Kur verbesserte ich nicht wirklich mein Gangbild und ich nahm auch bloß 2kg zu, aber dafür habe ich viel mehr mit nach Hause genommen, als ich mir jemals hätte erträumen können.
Meine Haare waren 2cm "lang" und es war einfach ein so tolles Gefühl, dass sich dort jeder mit einem freut. Man fasst sich gegenseitig durch die Haare, misst nach, wie lang die geworden sind, sieht wie toll jemand Laufen gelernt hat, kann über die verschiedenen Therapien reden. Man redet mit Gleichgesinnten und man wird verstanden.
Das was wir in unserer Gruppe hatten, kann man mit keinen Wörtern dieser Welt erklären.
Die 4 Wochen gingen auch leider viel zu schnell rum und wir mussten uns alle wieder auf den Schulalltag einstellen.
Wir mussten also wieder dort hin, wo kein Mensch uns jemals irgendwie verstehen würde, doch damit bin ich einfach nicht klargekommen. Ich nutzte jede Chance und hielt meine Referate, GFS, Buchvorstellungen nur noch über dieses Thema und ich hoffte, dass ich so irgendetwas bewirken könnte. 
Jeder Mensch hat Momente im Leben, die er nie vergessen wird. Wenn ich an mein Leben denke, dann hat es nach meiner Therapie erst richtig angefangen. Ich war sozusagen wieder ein kleines Kind, welches total auf die Mitmenschen angewiesen war. Das war im September 2009 endgültig vorbei. Einen besseren Start, als diese Kur im Schwarzwald, hätte es nicht geben können.

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Ein paar Bilder von der Reha. Hab leider unser Gruppenbild nicht mehr gefunden:(

Hanna und ich beim Sommerrodeln

Flo, Yvonne, ich und Tayfun vor irgendeinem Ausflug


Yvonne, ich, Lea und Ina beim Waffeln backen :)

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