Samstag, 2. Juli 2011

Packt eure Herzen in Alufolie, dass sie geschützt sind, wenn ihr aus dem Haus geht, und reicht sie nicht frei herum...

Da stand ich da wie aus allen Wolken gefallen und musste die gute Nachricht erst verdauen. Ich ging die Krebsstation entlang und wurde von allen gefragt wieso ich denn so weinte. Ich konnte jedem erzählen, dass ich das Ganze hier wohl doch überleben würde und dass ich in 6 Monaten fertig wäre. 1/3 von dem ganzen Mist war überstanden.
Ich schaffte es dann irgendwie zurück auf die Orthopädische-Station und zitterte am ganzen Körper, als ich die Nummer von meiner Mama wählte. Sie konnte kaum glauben was sie da hörte und konnte die Tränen auch nicht mehr zurückhalten.

Es hätte eigentlich so weitergehen sollen, dass ich direkt von der Orthopädischen Station auf die Krebsstation verlegt werden sollte. Es war der 23 Dezember und der Orthopäde wollte mich nach Hause gehen lassen, damit ich Weihnachten mit meiner Familie feiern konnte. So wurde ich entlassen und hatte ein Weihnachtsfest mit meinem Bruder und meinen Eltern.
Damals war mein Bruder 11 Jahre alt und in der Zeit waren alle so auf mich fixiert, dass er total in den Hintergrund gerutscht ist. Er steckte das Ganze aber ziemlich locker weg und hat meinen Eltern auch nie Vorwürfe gemacht. Ich weiß nicht wie ich mich an seiner Stelle gefühlt hätte.
Dann war ich 2 Tage zu Hause und musste dann zur nächsten Chemo antreten. 
Also wieder von vorne. 3 Tage Chemo mit viel Übelkeit und allem drum und dran. 2 Tage mit Kochsalz nachspülen und wieder nach Hause. Das Problem bei dieser Chemo war, dass ich mit meinem Bett am Fenster lag, Krücken hatte und am Infusomat angestöpselt war. Wenn ich also ins Bad musste, musste ich meine Krücken nehmen und den Infusomat irgendwie noch hinterherziehen. 3 Hände wären in dem Fall ziemlich praktisch gewesen.
Ich durfte mittags am 31 Dezember nach Hause. Das wohl schlechteste Silvester aller Zeiten. Meine Mama hatte sich in der Küche abgeackert, damit ich mal wieder ein bisschen zunehmen konnte, doch an diesem Tag hatte ich NICHTS gegessen. Keinen einzigen Bissen von irgendetwas. Das tat mir total leid, aber meine Mama verstand es natürlich. 
Während mein Papa und mein Bruder draußen waren und ein paar Silvesterraketen anzündeten, saß ich im Wohnzimmer und schaute mir das alles vom Sofa aus an.

Planmäßig bräuchte man 2 Wochen, bis sich die Blutwerte wieder erholt hätten, doch mittlerweile hatte ich 3 Wochen gebraucht, bis ich zur nächsten Chemo antreten konnte.
Ich hatte so gehofft, dass ich diese 3 Wochen gesund überstehen würde, denn am 20 Januar hatte ich Geburtstag. 5 Tage vor meinem 15 Geburtstag bekam ich Fieber und musste in die Klinik. Ich bekam also 5 Tage Antibiotika und hätte am 20 Januar wieder nach Hause dürfen.
Als ich an meinem Geburtstag aufwachte, lag Carolin neben mir, die ziemlich kaputt war von ihrer Chemo, die sie am Abend bekommen hatte.
Plötzlich kamen alle Schwestern der Station in mein Zimmer und gratulierten mir zum Geburtstag, sangen ein Lied und ich bekam Geschenke. Ich war während der Zeit eh total sentimental und musste total anfangen zu weinen, als alle gesungen haben, weil ich es einfach total goldig fand, dass sich alle wegen mir so Mühe gegeben hatten.

Viele Freunde von mir wundern sich, wieso ich heute so schlecht auf meine Familie zu sprechen bin, aber damals zu der Zeit, meldete sich niemand bei mir. Die einzigen, auf die ich zählen konnte, waren meine Mama, Papa und Bruder. Von dem Rest der Familie hörte ich die ganze Zeit über nichts. Es ist auch okay, ich habe einfach gemerkt auf wen ich zählen konnte und auf wen nicht. 
Genauso erging es mir mit meinen Freunden. Im Internet schrieben zwar alle, wie stolz sie auf mich seien, dass ich alles so super bewältigte, doch regelmäßigen Besuch bekam ich nur von einer Freundin. Iwi.
Der Rest wendete sich ab oder interessierte sich einfach nicht für mich. Viele erzählen zwar, dass sie für mich da waren, aber davon merkte ich leider nichts.
Auch das ist okay, seit der Zeit weiß ich, dass ich mich auf keinen verlassen kann und dass ich an niemanden Erwartungen stellen darf, denn dann kann ich auch nicht enttäuscht werden.
Zusammengefasst war ich 15 Jahre alt, hatte ein bisschen mehr als 1/3 meiner Therapie hinter mir und freute mich auf den Zeitpunkt, wo ich nicht nur für diese Chemotherapie leben musste.




Eine Freundschaft, die endet, hat nie begonnen

Kommentare:

  1. Oft ist es so, dass die engsten Freunde und auch gerade die Familie mit so einer Situation überfordert sind. Sie wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen und ziehen sich lieber zurück... aus Angst, etwas Falsches zu sagen oder sich falsch zu verhalten. Es ist also deren eigene Unvermögen und kein böser Wille.Das sind so meine Erfahrungen auf einer Krebsstation.
    Vllt. war es bei Deinen Freunden und Verwandten auch so ?

    mitfühlende Grüße, keimonish

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  2. Das kann natürlich der Fall sein, doch das hat mir damals nicht geholfen und Verständnis kann ich da nicht aufbringen! ;)

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  3. nein, da hast Du Recht, das kann und wird auch keiner von Dir verlangen. Ich dachte nur, dass es Dir hinterher nun vllt. helfen könnte, es aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und evtl. Deinen Frieden mit ihnen zu machen. Nicht für die anderen... sondern für DICH ?! (um keinen Groll in Dir zu fühlen )

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