Dienstag, 5. Juli 2011

Die Depression gleicht der Ebbe, die traurig vergangene Momente aufdeckt

Ich vertrug immer weniger und umso mehr Chemoblöcke ich hinter mir hatte, desto stärker setzten diese mir zu. Da aber mittlerweile Frühling war, bekam ich viel seltener Fieber und ersparte mir dadurch jeweils 5 Tage auf der Station!
Vor der Operation war ich mit 6 Blöcken fertig und ich war ja mehr als froh, als es hieß, dass es jetzt "nur" noch 12 werden würden. Doch diese 12 Blöcke zogen sich ewig hin und ich dachte, dass ich niemals fertig werden würde. Viele auf der Station feierten ihre letzte Chemo, doch bei mir ging es einfach nicht voran.
Durch die Therapie konnte die Naht am Bein total schlecht abheilen und ich musste ca. 8 Monate mit einer offenen Wunde herumhumpeln.
Bei meiner 12 Chemotherapie ging dann alles schief, was nur schief gehen konnte. Zuerst bekam ich eine Woche vorher Fieber und Herpes, das bedeutete, dass ich stationär bleiben musste und dann zu Hause weiterhin starke Medikamente gegen die Viren nehmen musste. Diese Tabletten waren leicht schädigend für die Nieren, aber es ging nicht anders. Ich hatte in meinem Leben noch nie so große Tabletten gesehen und war gespannt, wie ich diese denn überhaupt schlucken sollte.

Die Ärzte wollten meine Chemo, trotz der Tabletten, nicht verschieben und so bekam ich am frühen Abend meine Dosis MTX. MTX greift ebenfalls die Nieren an.
Ich hatte auch das große Glück mein Zimmer mit einem 4-jährigen, schreienden, nervigen Kind teilen zu dürfen. Die Mutter des Kindes schlief natürlich auch in unserem Zimmer, das schon ziemlich klein war. 
Es ist ja auch bekannt, dass türkische Familien sehr gesellig sind und so bekam das kleine Mädchen, während dieser Chemo, Besuch von ca. 5 Opas, 5 Omas, 10 Tanten, Cousinen, Schwestern und Brüdern. Es war nicht zum Aushalten. Mir ging es an diesem Tag sowieso schon so schlecht, da hatte ich diese 100-köpfige Familie ,in meinem Zimmer, ganz sicher nicht gebraucht.
Alles kam, wie es kommen musste. Ich hatte Übelkeit bis zum geht nicht mehr, ich konnte weder stehen noch sitzen. Ich war der Ohnmacht nah, denn mein Blutdruck verabschiedete sich auch so langsam. Mir ging es wirklich noch nie so schlecht und dann lag dieses Kind noch neben mir, welches sich lauthals weigerte diese Tabletten zu nehmen und ständig irgendwelche Disneyfilme auf türkisch schauen wollte. 

Am nächsten Tag war dann eine Blutentnahme und ich freute mich, dass ich nur noch 2 Nächte in diesem Zimmer verbringen musste, doch plötzlich liefen 3 Stationsärzte in mein Zimmer und schoben totale Panik.
Kurz gesagt hatte ich noch viel zu viel Chemo in meinem Körper, die sich wohl in den Nieren festgesetzt hatte. Ich bekam Medikamte, sodass die Chemo aufhörte zu wirken. 
Das mit dem nach Hause gehen konnte ich knicken, denn ich durfte noch schöne 10 Tage stationär verbringen. "Akutes Nierenversagen".

Meine Nierenwerte besserten sich Tag für Tag, doch sie ließen sich ziemlich lange Zeit.
Ich war zu der Zeit auch psychisch total am Ende, denn nichts klappte mehr. Die Zeit verging zwar, aber meine Therapie wollte einfach nicht zum Ende kommen. Ich wog noch stolze 35kg.
Das, was ich im Frühling 2009 hatte, konnte man nicht mehr Leben nennen. Durch dieses MTX hatte ich total nervige Nebenwikungen. Meine Mundschleimhaut war angegriffen und ich hatte total die Kurzatmigkeit, denn die Schleimhaut in der Lunge war auch nicht mehr vorhanden. Da ich schon total schnaufen musste, wenn ich nur im Bett lag, war das Ganze noch viel lustiger, wenn ich mal aufstehen musste. Jawohl, MUSSTE. Ich stand wirklich nur noch auf, wenn es wirklich sein musste, die restliche Zeit lag ich da und ließ mich total gehen. Aber ich glaube, dass sowas normal ist. 

Nach einem Tief folgt doch (meistens) wieder ein Hoch.


Kommentare:

  1. unglaublich was ein Mensch alles ertragen muss!

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  2. Wirklich unglaublich, was ein Mensch auch ertragen kann.

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  3. Sowas hab ich auch gerade gedacht.
    Ich finde es erstaunlich, wie so ein kleiner Körper sich davon wieder erholen kann...
    Ich bin froh, dass du deine Erfahrnungen mit uns teilen willst.

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