Sonntag, 26. Juni 2011

Ein einziger Satz kann so viel verändern-

So eine Intensivstation hat es echt in sich. 
Ich erinnere mich, wie ich aufgewacht bin und nur noch diesen Schmerz in meinem Bein bemerkte. Total neben der Spur, wie man nach einer Narkose nun mal ist, lag ich heulend in meinem Bett und war an knapp 10 Geräte angeschlossen. Ich wollte doch bloß etwas gegen meine Schmerzen haben, die mich verrückt machten, doch ehe ich irgendetwas bekommen konnte, musste mein Arzt sich davon überzeugen, dass auch alles gut gelungen war. 
Ich würde also endlich Schmerzmittel bekommen, wenn ich ein wenig mit meinen Zehen wackelte. 
Man muss dazu sagen, dass ich ja alles andere als wach war. 
Nachdem ich es dann irgendwie hinbekommen hatte mit meinen Zehen zu wackeln, spritzte mir eine Krankenschwester irgendein Zaubermittel in meinen Venenzugang. OPIUM. 
Ich weiß gar nicht wie ich dieses Gefühl beschreiben könnte, aber es tat so unendlich gut. Ich lag da und mir war schnuppe was um mich herum passierte. Ich lag in meinem schönen kuscheligen Bett, war auf Droge und war vollkommen zufrieden. 
Ich hätte am liebsten einfach die Nacht komplett durchgeschlafen, doch auf einer Intensivstation ist die Nacht wie der Tag. Jeder zupft an dir herum, zwingt dich was zu trinken, frägt ob alles okay ist. Doch sobald ich bloß das Wort "Schmerzen" wieder in den Mund nahm, kam schon die nächste Dosis von dem magischen Zeug.
 Als die Nacht dann endlich vorbei war, durfte ich wieder auf Normalstation. Die Orthopädische Station war auf der letzten Etage und so hatten wir den allerschönsten Ausblick von ganz Stuttgart. Schöner Gedanke, doch wenn man sich nicht einmal aus dem Bett bewegen darf, bringt das einem leider auch nichts mehr.
Zum ersten Mal hätte ich Zeit gehabt mir mal anzuschauen, was denn jetzt aus meinem Bein geworden war. Leider war mein gesamtes Bein in einen Gips gehüllt und nur die Zehen waren frei. 
Ich konnte weder mein Bein heben, noch meine Zehen großartig bewegen. 

Dann sollte ich ins Erdgeschoss zur Orthopädischen Ambulanz gefahren werden. Dort sollte mir bloß mein Gips entfernt werden. Das Problem war, dass der gesamte Unterschenkel eingegipst war und der Fuß darunter ein "wenig" angeschwollen war. Es war eine Ambulanz und es war morgens. In einer Ambulanz ist morgens der Teufel los und das Wartezimmer war auch sehr überfüllt. Die armen Patienten!
Ich wurde in den Gipsraum gefahren und dort ging dann der Spaß erst richtig los. Das Aufschneiden war ja kein Problem. Dann musste mein Fuß rausgehoben werden und ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals größere Schmerzen gehabt hatte. Ich heulte und schluchzte was das Zeug hält, doch irgendwie musste der Fuß aus dem Gips. Naja ohne die Einzelheiten jetzt. Der Fuß war irgendwann draußen und ich konnte wieder in mein Zimmer, doch davor musste ich an einem schweigenden, glotzenden Schwarm von Patienten vorbei.
Oben angekommen, waren meine Eltern endlich da, denen ich unter Tränen alles erzählen konnte. Mir war in dieser Zeit sowieso ständig zum Heulen zumute. Das lag wahrscheinlich noch an den ganzen Schmerzmitteln, die ja auch nicht spurlos an einem vorbeigingen.
Auf jeden fall vergingen die Tage irgendwie und ich konnte auch bald mal eine ganze Nacht durchschlafen.

Dann gab es einen Moment, der bis dahin, wahrscheinlich einer der allerschönsten in meinem Leben war. 
Die Chemotherapie hätte meinen Tumor theoretisch ganz abtöten sollen. So wurde das Gewebe weggeschickt und untersucht. Wären mehr als 10% des Tumors noch lebendig gewesen, hätte sich meine Therapie noch über Jahre erstrecken können.
Dann gab mir die Krankenschwester einen Brief in die Hand und meinte, dass ich doch zu meiner Krebsstation gehen sollte und meinem Chefarzt diesen Brief abgeben könnte.

Das muss man sich jetzt so vorstellen. Ein 14-jähriges Mädchen, mittlerweile 37kg leicht, mit schwachem Kreislauf, Krücken, Brief in der Hand, humpelt vom Aufzug auf die Station mit den schweren Glastüren. Ich also - Krücke an die Wand gelehnt, Passwort eingegeben, irgendwie die Tür geöffnet, Krücke geschnappt (Brief mittlerweile verknickt). Da laufe ich also auf meine vertraute Station, mit dem Brief in der Hand, in dem die für mich wohl wichtigste Information drin steht. In der Ferne erkenne ich schon den Chef und zwei Oberärzte, "stolziere" geradewegs auf die zu und steh dann mit erwartungvollem Blick da.
"So Lilia, wie auch immer du es bis hierher in den ersten Stock geschafft hast. Der Weg hat sich gelohnt. Im vorläufigen Befund war alles in Ordnung und wir können bald in die letzten 12 Chemoblöcke starten". Das bedeutete, dass ich in 6 Monaten schon fertig sein würde.
Das war genau das, was ich die letzten drei Monate hören wollte. In diesem Moment war das der wohl schönste Satz der gesamten Welt!

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