Samstag, 25. Juni 2011

Der Tag, an dem Du die volle Verantwortung für dich selbst übernimmst und an dem Du aufhörst Entschuldigungen zu suchen, ist der Tag, an dem Dein Weg zum Ziel beginnt.

So, die Haare waren weg, ein paar Kilos hatten sich verabschiedet und die regelmäßigen Blutkontrollen wurden zum Alltag. Die Blutkontrollen zwischen den Chemos liefen so ab, dass ich morgens aufstand, mich fertig machte, meine Haare aufsetzte und dann 20 Minuten nach Stuttgart fuhr. Dort angekommen holte man sich in der Tagesklinik kurz einen Zettel und verschwand dann für 10 Minuten im Labor, bekam einen Fingerpickser und 5 Minuten später hatte man seine Werte. Eine Sache, die in diesem Krankenhaus eigentlich ziemlich gut funktionierte. 
Von Oktober bis Dezember verging die Zeit doch irgendwie. 6 Chemoblöcke sind rumgegangen. Eine Zeit mit viel Übelkeit, Nebenwirkungen, Fieber, Schmerzen und einigen Krankenhausaufenthalten. Bei meinem zweiten Chemoblock bekam ich ein Medikament, welches MTX genannt wird. Das ist eine klare, gelbe Flüssigkeit, die ziemlich unscheinbar aussieht. Diese Chemo tropfte mit 160ml pro Stunde in mich hinein und nach vier Stunden war der Beutel dann leer. Die ersten zwei Stunden davon waren recht gut auszuhalten, aber ab da, ging dann gar nichts mehr. Ich saß in meinem Bett und konnte ohne Probleme eine Brechschale nach der Anderen füllen. Ich musste ins Bad, doch sobald ich aufstehen wollte, wurde mir schwindelig und ich lag wieder in meinem Bett. In der Zeit ist meine Mama meistens gegen 19 Uhr nach Hause gefahren, aber da es mir so schlecht ging, rief ich sie an und fragte, ob sie nicht doch noch ein paar Stündchen kommen könnte. Also traf meine Mama gegen 21 Uhr ein. Sie war die Ruhe in Person (oder sie war eine gute Schauspielerin) sie holte einen Waschlappen und legte ihn auf meinen Stirn, holte mir Mundspültee und brachte mich auf andere Gedanken. Als ich dann endlich eingeschlafen war, ist sie nach Hause gefahren. Was wäre ich in dieser Zeit nur ohne meine Mama gewesen. Sie verbrachte jede freie Minute mit mir, kochte alles was ich mir wünschte, vernachlässigte alles wegen mir.
Nach dieser Chemo musste zwei Tage lang mit Kochsalz nachgespült werden. Zusätzlich musste ich alle 6 Stunden eine Tablette nehmen, die nach so einer Chemo überlebenswichtig ist. Auch wenn ich diese Tablette nachts um 3 nehmen musste, musste ich danach direkt im Krankenhaus anrufen und sagen: "Hallo, hier ist die Lili. Habe gerade meine Leucovorin genommen und wünsche noch eine angenehme Nachtschicht." Wenn man den Anruf vergessen hätte, wäre irgendwann die Polizei vor der Haustüre gestanden.
Wie auch immer. Bis zum Dezmeber hatte ich noch 4 mal dieses MTX und noch 2 mal meine andere rote Chemo.
Im Dezember waren dann die ersten 6 Chemoblöcke zu Ende und das bedeutete, dass nun die große Operation anstehen würde. Es wurde lang diskutiert, wie denn mein Fuß operiert werden sollte. Eins war sicher: Der 6cm große Tumor musste raus. Da er so nah am Sprunggelek lag, würde ich das wohl auch verlieren. Mein Arzt, den ich als Held ansehe, plante meine OP und ich vertraute ihm voll und ganz. Er wollte den gesammten befallenen Knochen herausnehmen und durch Metall ersetzen. Das wäre kein Problem gewesen, doch da war dieses Sprunggelenk. Sprunggelenkendoprothesen seien nicht gut erforscht, doch ich hätte keine andere Möglichkeit. Es war eine Art Scharniergelenk mit knapp 20° Bewegungsmöglichkeit. Das bedeutete aber, dass ich ihn nur noch leicht anheben und absenken könnte. Seitliche Bewegungen wären unmöglich gewesen. Seitdem humpel ich durchs Leben.

Da lag ich dann am 11. Dezember 2008. Ich lag mit Katja im Zimmer, mit der ich mich super verstand, obwohl sie anfangs nicht wusste, wie sie auf mich reagieren sollte.
Verständlich, denn ich hatte weder Haare, noch Wimpern, noch Augenbrauen. Hätte ich mein rosa Kopftuch nicht aufgehabt, hätte ich auch als Junge durchgehen können, denn von einer weiblichen Figur konnte auch nicht die Rede sein. 38kg verteilt auf eine Größe von 1,62m. Da war nicht viel Speck an der Hüfte;)
Ich wurde gegen 10uhr morgens in den OP gefahren und wegen der "Leck mich am Arsch- Tablette" merkte ich nicht mehr viel von der Fahrt. Ich weiß nur noch, dass ich gegen 19uhr abends auf der Intensivstation aufgewacht bin. Die Intensivstation war bloß zur Sicherheit, weil ich während der OP ein paar Bluttransfusionen benötigt hatte. Also rein routinemäßig.

 Das war dann das fertige Experiment, gut gelungen nicht wahr? 

Das vollendete Werk zwei Tage nach der OP

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